Mittwoch, 23.11.2022
Habe es heute geschafft heute, seit Wochen, doch mal früher Feierabend zu machen. Es wird schon so früh dunkel, Ohne Mond und meistens mit grau verhangenem Spätherbsthimmel, dass bereits um halb fünf das Licht „ausgeht“. Also, schnell nach Hause, noch nicht mal komplett umgezogen, nur Jacke, Schuhe und Kopfbedeckung getauscht und mit meine R8 gegriffen, nicht mal ins Futteral gepackt. Bin die 5 Min. Fahrt ins Revier auch rechtlich auf der sicheren Seite. (Die Munition ist im Handschuhfach eingeschlossen/ Fahrt ins Revier). Hatte mir heute schon den ganzen Tag meine Kanzel für heut Nachmittag ausgeguckt (soweit der Wind passend ist). Die steht in einem weitläufigen Regenrückhaltebecken und ist vor drei Seiten gezäunt. Die freie Seite ist ein mittelsteiler Hang mit Buchen und Eichen ca. 80 mtr. von der Kanzel entfernt.
Nachdem meine spontanen Ansitze in den letzten Wochen allesamt ohne Anblick geendet sind habe ich mir die letzten Tage häufiger meine Wärmebildkamera genommen um nach den Rehen zu suchen. Sie waren definitiv da, nur niemals dort wo ich gesessen habe. Allein hier auf der Fläche habe ich zweimal 2 Stücke bestätigen können ohne das ein genaues ansprechen möglich gewesen wäre.Da diese Kanzel schon etwas betagt und etwas umständlich zu erreichen ist sitzt hier auch selten einer meiner Mitjäger. Ich heute auch erst zum zweiten Mal. Was die Fläche, neben der relativen Jagdruhe so interessant macht ist zum einen der nahe fließende Bach der doch einen guten Teil der eigenen Geräusche überdeckt, aber ganz besonders die gehaltvolle Wiesenfläche. Hier wird nur 2 mal im Jahr gemäht, sonst nichts! Also frisches, richtiges Gras mit zahlreichen Wiesenkräutern die auch, aufgrund des bis hierhin zu warmen Herbstes noch ganz gut gediehen. Leider sind mittlerweile fast alle Wiesenfläche nur grüne Makulatur, ökologisch tot gespritzt gegen alles was wie natürliche Kräuter aussieht und nach gesät mit Sauergrasarten die nicht mal den Hasen schmecken und nur kurzfristig schnellen „Futterertrag“ für den Kuhstall erbringen um dann wieder nach neuem Dünger und Nachsaat zu lechzen. Alles mit ein Grund, warum das Rehwild die Äsungsarmen Wiesen meiden und sich lieber mit der diesjährigen Mast den Pansen von Eicheln & Bucheckern voll schlagen.
Also, ca. 15:40 sitze ich. Habe also noch eine knappe Stunde. Bin ich doch wieder zu spät? Beim angehen muss ich den Bereich der Äsungsfläche queren. Wenigstens der Wind passt, stetig aber nicht stürmisch bläst er mir von der Seite durchs Gesicht. Rechts, ca. 40 mtr. vor mir auf der Fläche eine kleine Ansammlung von 8 jüngeren Eichen die mir all Ihre möglichen Farbspiel von grün -Gelb bis rostbraun im letzten Tageslicht präsentieren. Links von mir eine Kopfweide im letzten gelben Laub, die mir bei meinem Sommeransitz hier die Sicht auf die dahinter liegen Freifläche vollständig verwehrt hat. Nun konnte ich aber immerhin mit dem Glas soweit durch das Geäst schauen, dass ich ausschließen konnte, dass sich dahinter Wild befand. Es fängt langsam an leicht zu regnen. Ich machen einen Schwenk mit der WBK, auch den Hang im Wald hoch. Nichts. Drehe mich noch mal nach links um, mit der WBK durch die Weide zu schauen. Auch nichts. Prüfe erneut meine Waffe, Auflage, schaue über das Zielfernrohr…??? Was bewegt sich denn da? Ist noch keine 30 Sekunden her, dass ich da geschaut hatte. Durchs Glas geschaut, eindeutig ein Reh, plötzlich löst sich ein zweites Stück welches direkt dahinterstand. Und wieder stellt sich mir, wie bereits auch in der Vergangenheit so oft die Frage: Wo kommen die denn jetzt her? Wie von unsichtbarer Geisterhand stehen sie plötzlich auf der Bühne, im wahrsten Sinne des Wortes. Hat ein Bühnenaufzug sie einfach nach oben ins Bild gehoben? Da, wo vor kurzer Zeit in der WBK im Umkreis nicht eine Signatur zu sehen war stehen, wie aus dem Nichts direkt zwei Stücke. Noch ist es hell genug (kurz nach vier) um die beiden an zu sprechen. Ricke & Bock, beides Kitze. Wo ist die Geiß? Schauen, suchen, warten, es wird jetzt Zeit, das Licht schwindet und ich möchte zumindest ein Stück erlegen. Aufgelegt, kurz gewartet, versucht den Atem & den Herzschlag zu beruhigen, Stück steht Quer. Bewusst kurz hinters Blatt angehalten (hatte bei den letzten Malen doch reichlich Wildbrettentwertung durch den, zwar perfekten, aber eben auch Hämatom-bildenden Blattschuss).
Es klingt wie ein scharfer Peitschenhieb in der feuchten Senke, das Stück geht 5 mtr. im Kreis, dann liegt es. Der Atem wird ruhiger, der Puls sinkt..aber nur für einen kurzen Augenblick. Das Rickenkitz ist nur wenige Meter nach oben hinter eine alte Buche abgesprungen, deutlich in der WBK zu erkennen. Aber es zögert, lange, es geht auf 16:40 Uhr zu. Im Glas ist schon kaum noch etwas zu erkennen, nur die WBK zeigt mir wo das Stück steht. Dann zieht es wieder runter auf die Wiese. Erneut Waffe fertig machen, das Zeiss Victory 3 – 12*56 zeigt was es kann. Klar und deutlich ist es noch in der Optik zu erkennen. Puls geht hoch, Atem wird versucht zu beruhigen, es steht breit, die RWS-Short Rifle Hit bleifrei tut was sie tun soll und trifft das Stück etwas tief hinter dem Blatt. Das Stück geht auch noch ca. 10 mtr. nach rechts, leider direkt hinter den kleinen Eichenbusch. Schei… bitte nicht krank geschossen. Es hat klar gezeichnet, ich konnte aber halt nicht erkennen ob es gelegen hat. Bleibe noch etwas sitzen. Jetzt nicht zu früh das eventuell kranke Stück noch aufmüden. Baume im dunklen Ab, der Regen ist stärker geworden. Stirn – und Taschenlampe in der Han gehe ich zum Anschuss. Deutlich ist heller Schweiß zu erkennen. Dieser Spur kann ich gut im Licht der Stirnlampe folgen. Keine 10 mtr. und da liegt es. Große Dankbarkeit und Erleichterung macht sich in mir breit! In der Nähe liegt ein kleiner, fast vollständig überwachsener Findling. Hier lege ich meine beiden Stücke ab und gebe Ihnen den letzten Bissen. Die Eichen sind ja ganz nah.
Ich halte inne, der Regen prasselt immer stärker. Tiefe Dankbarkeit und der Respekt für diese Kreaturen gepaart mit Freude über diesen Jagderfolg.Direkt am Platz, den stabilen Zaun als Hilfe zum Aufbrechen nutzend, versorge ich beide Stücke und bringe sie überglücklich in die Kühlkammer.